Sonntag, 11. November 2012

Remembrance Day








Jetzt ist es schon wieder ganz schön lange her, seitdem ich das letzte Mal geschrieben habe. Eigentlich hatte ich vor zu erzählen, wie sehr ich mich hier schon an alles gewöhnt habe, dass ich den Weg zur Uni mittlerweile im Schlaf gehe, dass ich schon gar nicht mehr genau weiß, ob 80 Euro für Schuhe zu viel oder noch ok sind (so krass wie man sich an eine neue Währung gewöhnt^^) und, dass ich schon aus Versehen beim Skypen mit meiner Oma Englisch rede.

Und eigentlich stimmt das auch, es ist einfach unglaublich wie normal hier schon alles ist und ich glaube, dass es auch wieder nicht so einfach wird, das alles im Januar wieder loszulassen. Aber auch wenn  das alles stimmt, habe ich heute wieder gemerkt, dass ich doch ganz schön anders bin als die Menschen hier und damit meine ich nicht nur meine Sprache oder meinen Kleidungsstil (in der Hinsicht habe ich mich dann doch noch nicht angepasst; zum Glück^^). Heute war Remembrance Day, der Tag an dem alle Commonwealth-Staaten all denen gedenken, die durch ihren militärischen Dienst für die Krone ums Leben gekommen sind. Alle Leute hier tragen seit Tagen rote Blumenanstecker, es gibt Militärparaden und egal ob im Gottesdienst oder Supermarkt, überall wird die obligatorische Schweigeminute abgehalten. Und genau in mitten alldem habe ich wieder gemerkt wie deutsch ich doch bin! Mal allein davon abgesehen, dass sich meine Nackenhaare sträuben, wenn in den Ansprachen gesagt wird, wie die gefallenen Soldaten ihr „today“ für unser „tomorrow“ geopfert haben oder, dass ich genau weiß wer mit „the enemy“ gemeint ist (klingt halt besser als Nazideutschland). Es ist für mich einfach unglaublich, wie die Menschen hier so bedingungslos hinter der britischen Armee und deren Geschichte stehen.  An einem Tag wie heute sieht so aus, als ob es keine jahrzehntelange Kolonialisierung in fast allen Teilen der Welt gegeben hätte, keine Eroberung, Unterdrückung und Ausbeutung von Menschen und Ressourcen zur Vergrößerung des britischen Empire und seines Wohlstandes. Es scheint egal zu sein, dass England ohne zu zögern den USA in den Irakkrieg gefolgt ist, bei dem man von Anfang an wusste, dass dieser nicht wirklich viel mit Osama Bin Laden zu tun hatte. Britische Soldaten sind Helden der Krone, sie werden gefeiert und betrauert, es wird Geld für die Veteranen gesammelt und den Gefallenen werden Denkmäler errichtet. Heute habe ich gemerkt, wie stark mir die deutsche Geschichte doch in den Knochen steckt. Natürlich, ich bin sicher nicht die einzige, die während ihrer Schullaufbahn über Jahre hinweg mit NS-Geschichte vollgestopft wurde, ich habe auch meine Stunde auf dem Appellplatz von Dachau abgestanden, bei 30° im Schatten (nur dass es keinen Schatten gab), um nachzuempfinden, wie sich damals die Inhaftierten gefühlt haben. Ich habe die Krematorien gesehen und konnte es einfach nicht begreifen, wie Menschen so unglaublich grausam sein können. Aber ich dachte nicht, dass meine Einstellung zu Krieg und Militär dadurch so krass anders sind als die von so vielen Menschen meiner Generation. Ich meine es gibt hier eine Airforce Society an der Uni! Die stehen bei der Ersti-Messe direkt zwischen der Hip-Hop und der Showchoir Society und erzählen dir davon wie cool es doch ist Soldat zu sein und Jets zu fliegen. In der Stadt hängen Plakate, mit der Aufschrift „Join the army - make more of your life“ (ein bisschen makaber finde ich^^).

Vielleicht ist es ungerecht, dass wir unseren Soldaten in Deutschland so wenig Respekt zollen und nicht wirklich anerkennen, was sie  in den letzten Jahren für unsere Sicherheit getan haben. Vielleicht ist es auch dumm, die Bundeswehr immer mehr zu verkleinern, weil vielleicht doch noch irgendwann irgendein Staat mit fanatistischer Regierung beschließt mit uns Krieg anzufangen. Aber ich glaube wir haben durch unseren historischen Tiefpunkt damals vor knapp 70 Jahren eine wichtige Lektion gelernt: Krieg ist scheiße! Kriege sind nicht ehrenhaft, sie sind nicht sauber, sie treffen immer Menschen die nichts dafür können, sie machen aus Menschen Bestien und sie haben meistens weit weniger heroische Gründe als die Regierungen behaupten. Krieg ist nichts worauf man stolz sein kann! Dass Patriotismus seit Jahrhunderten eng mit Militär verknüpft ist, ist klar, aber ich finde, dass es genau diese Art von Patriotismus ist, die sich keine Nation mehr leisten sollte. Respekt vielleicht, Gedenken ja, aber kein Stolz! Auch wenn es vielleicht ein bisschen pathetisch ist, nur während der WM patriotisch zu sein, finde ich, dass militärische Aktivitäten nicht mehr unbedingt Hauptbestandteil des Nationalstolzes eines Landes sein sollten.

Und auch wenn es in Deutschland immer noch Vieles gibt, was nicht perfekt ist, bin ich der Meinung, dass wir doch ein paar Dinge in unserem Land haben, auf die wir durchaus stolz sein dürfen: Wir haben keine Todesstrafe und ich bin sehr dankbar dafür, dass mich nicht einfach irgendjemand erschießen darf, nur weil ich sein Grundstück betreten habe. Wir sind frei in die Kirche, die Moschee, die Synagoge oder in ein anderes Gotteshaus zu gehen, oder eben nicht, ganz wie wir es persönlich entscheiden. Ich darf als Frau wählen gehen, studieren und entscheiden ob ich die Pille nehme oder nicht, ohne dass ich die Unterschrift von irgendeinem Mann dafür einholen muss (cool nicht?=)). Wir sind das Land von Schweinebraten und Knödeln, von Lebkuchen und Glühwein, ganz zu schweigen von Albert Einstein, Dietrich Bonhoeffer und Friedrich Schiller. Wenn man im Ausland ist, vergisst man manchmal, was von Deutschland eigentlich alles übrig bleibt, wenn man Bier, BMW und die Epoche des Nationalsozialismus weglässt (ungefähr die Bestandteile einer jeden Unterhaltung, nachdem der Gesprächspartner herausgefunden hat, dass man deutsch ist^^), nämlich eine ganze Menge!
So, ich weiß jetzt nicht, ob euch das ganze hier jetzt wirklich weitergeholfen hat und ich bin selbst ein bisschen überrascht über diesen etwas seltsam anderen Blogeintrag (vielleicht habt ihr gemerkt, wie sehr ich deutsches Essen vermisse--> Carepakete sind jederzeit willkommen :)).Nächste Woche schreib ich nochmal was über mein schönes unproduktives und freizeitreiches Erasmusleben hier in Portsmouth^^, aber das musste ich heute irgendwie loswerden:)
 
Ein dicker Drücker an euch alle
Eure Sarah

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